Im vierten Anlauf haben sie es endlich geschafft, die Fußballerinnen der SGS Essen. Das Team aus dem Ruhrgebiet hat seinen ersten internationalen Titel gewonnen, den Wanderpokal von »Weltklasse 2017«. Bei der Siegerfoto60037. Auflage des Internationalen Frauen-Hallenfußball-Turniers des TuS Jöllenbeck um den Pokal der Sparkasse Bielefeld setzten sich die Essenerinnen in einem hart umkämpften Finale erst nach Neunmeterschießen gegen den Titelverteidiger Fortuna Hjørring aus Dänemark durch. Dritter wurde wie im Vorjahr der aktuelle Bundesliga-Tabellenführer Turbine Potsdam.

Den nicht vorhandenen, also neudeutsch »virtuellen« Preis für den attraktivsten Fußball an den zwei Turniertagen erwarb sich diesmal der Titelverteidiger. Fortuna Hjørring kombinierte sich in die Herzen der Zuschauer, zeigte auf dem Platz eine klare, temporeiche Linie mit viel Spielwitz, Positionswechseln und konsequenter Defensivarbeit. Und hatte gleich mehrere Akteurinnen im Team, die dem Turnier ihren Stempel aufdrückten. Drei von ihnen wurden ausgezeichnet: Camilla Kur als Torschützenkönigin. Trine Jensen als beste Torhüterin, die nicht nur gut hielt, sondern auch so manchen direkten Gegenangriff einleitete und sogar ein Tor erzielte. Und die technisch starke Brasilianerin »Tamires« als beste Turnierspielerin mit klarem Vorsprung. Aber auch die Rumänin Florentina Olar und die Finnin Tuija Hyyrynen wussten mit vielen herausragenden Aktionen und Spielübersicht zu gefallen. Dass es am Ende nur Platz zwei wurde für Fortuna, tja, das lag auch an Jil Strüngmann.
Die Torhüterin der SGS Essen parierte in der Verlängerung des Finales gleich zwei Neunmeter und verhalf ihrem Team damit zum ersten Turniersieg.

Im Vorjahr hatten die Essenerinnen die gesamte Vorrunde dominiert, mit teil-weise spektakulärem Offensiv- und Kombinationsfußball. Und scheiterten dann in Halbfinale und Spiel um Platz drei. Spektakel? Nein, nichts zu sehen davon diesmal, vor allem nicht am ersten Tag. Kein Wunder, es fehlten ihre besten Offensivspielerinnen, allen voran die Top-Akteurin von »Weltklasse 2016«, Linda Dallmann, und Torjägerin Charline Hartmann. Wenig Kreativität, wenig Torchancen – dafür aber ein kompaktes System mit den Antreiberinnen Sara Doorsoun und Irini Ioannidou. So stand die SGS Essen nach dem ersten Turniertag mit sieben Punkten auf Platz zwei der Gruppe, hatte nur sechs Tore erzielt – aber auch nur fünf kassiert. Effizient nennt man das.

Tabellenführer war da noch der Turnier-Neuling SC Sand, der mit zwei Siegen und zwei Unentschieden gestartet war. Am Ende reichte es für das Team von Trainer Colin Bell nur zu Rang fünf. Warum? »Weil dieses blöde Unentschie-den gegen Herford alles kaputtgemacht hat«, ärgerte sich Bell noch Stunden später. Ausgerechnet der Herforder SV, der einzige Zweitligist, der krasse Au-ßenseiter, wurde zum Stolperstein für den SC Sand. In einem Spiel, das Sand dominierte, sich viele Überzahlsituationen herausspielte, aber einfach nicht das Tor traf, so dass es beim 0:0 blieb.

Fünf Mannschaften standen vor dem Turnier auf der Favoritenliste für den Ti-telgewinn, so viele wie noch nie. Die vier Bundesligisten und Titelverteidiger Fortuna Hjørring. Aber schnell stellte sich heraus, dass es sogar sechs hätten sein sollen. Denn der tschechische Vizemeister und Champions League-Teilnehmer Sparta Prag hat mächtig aufgeholt, wusste mit Tempo, Technik, Taktik, schönen Spielzügen und herausgespielten Toren zu überzeugen. Und landete nach der Vorrunde sogar auf Platz eins der Tabelle vor Essen und Sand. »Ich bin sehr zufrieden mit unserem Auftritt«, meinte Sparta-Trainer Jan Janota, »endlich haben wir mal wieder das Halbfinale erreicht.« Und es war noch viel mehr drin. Denn im Halbfinale gegen Fortuna Hjørring und im Spiel um Platz drei gegen Turbine Potsdam musste jeweils erst das Neunmeter-schießen entscheiden. Beide Male zu Ungunsten von Sparta, so dass am En-de erneut kein Platz auf dem Treppchen übrig blieb. Immerhin wurde Adéla Odehnalová die Ehre zuteil, von den Trainern auf Platz zwei der Liste der bes-ten Turnierspielerinnen gewählt zu werden.

Den Platz auf dem Treppchen gab es diesmal auch nicht für Bayer 04 Lever-kusen, das Team, das bei seinen bisherigen beiden Auftritten in Jöllenbeck die Plätze eins und zwei erreicht hatte. Mit zwei Niederlagen starteten die Spiele-rinnen von Trainer Thomas Obliers in das Turnier, fingen sich dann aber und zeigten, warum sie zu den besten Hallenmannschaften Deutschlands gehören. Fürs Halbfinale reichte es diesmal nicht, einen Tick zu stark waren letztlich die Gruppenkontrahenten Potsdam und Hjørring. Aber Platz fünf war ein realisti-sches Ziel, als Leverkusen plötzlich und unerwartet sein Platzierungsspiel ge-gen Außenseiter Herford mit 0:2 verlor und nur noch um Platz sieben spielen konnte.

Wieder mal der Herforder SV. »Wir hatten uns vorgenommen, uns gut zu prä-sentieren, und ich denke, das ist uns gelungen«, freute sich HSV-Trainer Da-niel Hollensteiner über die Auftritte seiner Frauen, die es mit einem Unent-schieden und einem Sieg schafften, am Ende Rang sechs zu belegen. Weil sie nie aufgaben, taktisch klug und solide spielten, wenngleich sie individuell verständlicherweise mit den anderen Teams nicht mithalten konnten. Aber ihr Einsatz wurde belohnt – der ebenso große Einsatz von Turnier-Neuling KRC Genk aus Belgien dagegen nicht. Acht Spiele, acht Niederlagen, dafür aber durchaus schöne Spielzüge und schöne Tore. »Wir haben viel gelernt und sind froh, dass wir dabei sein durften. Das Niveau war wirklich sehr hoch«, erklärte KRC-Trainer Luk Verstraeten, dessen Mannschaft am ersten Tag sieben Tore erzielte – also mehr als die SGS Essen in der anderen Gruppe – aber ohne jeglichen Punkt dastand. Weil sein Team nach fast jedem selbst erzielten Tor direkt einen Gegentreffer hinnehmen musste. Das Umschaltverhalten von Of-fensive auf Defensive war das große Manko des ansonsten durchaus über-zeugenden belgischen Teams.

Bleibt noch ein Verein, der Dauergast: Turbine Potsdam. Erstmals mit Co-Trainer Dirk Heinrichs an der Bande, weil sein neuer Chef Matthias Rudolph erkrankt zu Hause bleiben musste. Es dauerte ein wenig, bis sich das sehr in-ternational besetzte Team gefunden hatte, aber dann wirbelte Potsdam im besten »Tor-Bienen«-Stil wie eh und je, erzielte in der Vorrunde insgesamt 23 Treffer – zur Freude der Zuschauer. Und gewann die Gruppe – allerdings auch deshalb, weil die dominierenden Däninnen im entscheidenden Vorrun-denspiel ihre leicht angeschlagene Torhüterin schonten, stattdessen die brasili-anische Feldspielerin »Tamires« (ohne Handschuhe) ins Tor stellten und eine Niederlage gegen Turbine damit zumindest erduldeten. Im Halbfinale unterlag Turbine dann der deutlich kompakteren und clevereren SGS Essen mit 0:2 und schaffte es im Spiel um Platz drei gerade noch per Neunmeterschießen, Sparta Prag zu bezwingen und den Platz einzunehmen, den sie zuletzt schon dreimal in Folge hatten: den dritten.

Jubeln und das Herforder Pils des Sponsors trinken durfte diesmal die SGS Essen, deren Trainer Daniel Kraus bei seinem persönlichen Jöllenbecker De-büt übers ganze Gesicht strahlte: »Ich hatte ja schon viel von dem Turnier ge-hört und muss sagen: Es war wirklich toll.« Für die nächsten 12 Monate steht damit der Pokal der Sparkasse Bielefeld in der Vitrine der Sportgemeinschaft Essen-Schönebeck.

Beste Spielerin
1. »Tamires« (Fortuna Hjørring) 17 Punktegeehrte Spielerinnen2017
2. Adéla Odehnalová (AC Sparta Prag) 4 Punkte
3. Anna Gasper (Turbine Potsdam) 3 Punkte
Gina Chmielinski (Turbine Potsdam) 3 Punkte
Silvana Chojnowski (SC Sand) 3 Punkte
Letícia Santos (SC Sand) 3 Punkte

Beste Torhüterin
1. Trine Jensen (Fortuna Hjørring) 18 Punkte
2. Carina Schlüter (SC Sand) 17 Punkte
3. Jil Strüngmann (SGS Essen) 5 Punkte

Beste Torschützinnen
1. Camilla Kur (Fortuna Hjørring) 8 Tore
2. Anna Gasper (Turbine Potsdam) 5 Tore
3. Irini Ioannidou (SGS Essen) 4 Tore
Gina Chmielinski (Turbine Potsdam) 4 Tore